
2007
Man muss dankbar sein von Volker Schmidt
UA
Theater Drachengasse
Regie Volker Schmidt
Ausstattung Anna Katharina Strobl
Musikalische Leitung Ossy Pardeller
Mit Ildiko Babos, Elisa Seydel, Heidelinde Pfaffenbichler
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Der Dokumentarfilm erlebt einen Boom. Laufend kommen neue Filme in die Kinos, die die Ungerechtigkeit und die Abhängigkeitsverhältnisse einer globalisierten Wirtschaft abbilden. Die Schauplätze sind bisher unbekannte Winkel der Erde, die plötzlich mit uns als Endverbraucher in einem unheimlichen Zusammenhang stehen, weil dort produziert wird, was wir am Körper tragen, was wir im Supermarkt kaufen oder uns durch die Werbung angepriesen wird. Mit der Gänsehaut des schlechten Gewissens verlassen wir das Kino, vollgefüllt mit Bildern, die abbilden wollen, wie unsere Welt funktioniert.
Das Theater kann die Wirklichkeit dieser globalen Produktionsverhältnisse nicht nachbilden. Was der Dokumentarfilm durch seine Macht der Bilder kann, wirkt am Theater lächerlich.
Doch das Theater kann auch einiges. Anstatt Geschehnisse abzubilden, kann es Standpunkte zusammenführen, die noch nie aufeinander getroffen sind. Es kann abstrahieren, Situationen aufbrechen, neu bespiegeln, kann Näherinnen Fragen in den Mund legen, die sie vielleicht nie fragen würden. Es kann einen Blick in die Zukunft werfen und Überlegungen anstellen, wie es sein wird, wenn die Globalisierung einmal um die Erde gegangen ist. Es kann aktuelle Verhältnisse auf den Kopf stellen. Österreich wird zu einem Billiglohnland, Indien, China, Bangladesh werden führende Wirtschaftsnationen. Die Armut herrscht in Wien, nicht in Kalkutta. Die Welt wird von Bollywood und nicht von MTV beherrscht.
Das Theater kann bekannte Fragestellungen neu sortieren, sie in einem neuen Kontext zusammenfügen, mit Bruchstellen und Verzerrungen. Auch das ist eine Möglichkeit, sich der Wirklichkeit anzunähern.
So sind die Näherinnen in diesem Stück nicht nur Näherinnen, sie sind auch Projektionsflächen für Lebenskonzepte, sie erörtern Standpunkte und Erklärungsmuster für unsere Welt. Sie suchen Lösungen, um sich aus ihrem Dilemma zu befreien, hebeln ihre Gedankenkonzepte gegenseitig aus, bekämpfen einander, versöhnen sich wieder, schreien ihre Wut aus dem Bauch, tanzen, singen, oder nähen einfach. Nähen sich ein neues Kleid, nähen ihre Liebe ein, nähen sich ein neues Leben zusammen.
Man muss dankbar sein, wurde in der Schneiderei im Schauspielhaus in einem \'Autorenlabor\' gemeinsam mit den Schauspielerinnen entwickelt. Der Ausgangspunkt für das Stück war der Raum selbst, eine Schneiderei in Wien. Die Uraufführung fand im Theater Drachengasse statt.
V.S.
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